top of page

Geschichte des Monats März 2026

Nicht allein

 

Es kann keine Zuversicht geben, wenn man nur von sich selber aus denkt und wenn man nur die eigenen Lebenskräfte für das Gelingen einer Sache veranschlagt. Erst wenn man in Zeitläufen denken kann, die das eigene Subjekt übergreifen, behält man den Lebensmut.

 

Nach ihren Niederlagen im Kampf um Gerechtigkeit haben die Bauern in den Bauernkriegen gesungen: „Geschlagen ziehen wir nach Haus, unsere Enkel fechten’s besser aus!“ Sie behalten ihre Zuversicht darauf, dass es einmal das Recht für alle geben wird, weil sie wissen, dass sie nicht die Ersten und nicht die Letzten sind. Es hat Menschen vor ihnen gegeben, die am Recht gearbeitet haben. Es wird Menschen nach ihnen geben.

 

Wenn man gezwungen ist, einzig und einzigartig zu sein, dann zerschellt unser Mut an den eigenen geringen Kräften. Zuversicht auf das Gelingen des Lebens kann nur der bewahren, der sich langfristig machen, das heißt: sich in eine Tradition stellen kann. Eine Tradition haben und sich auf sie berufen, das heißt, sich langfristig machen.

 

Eine Tradition haben heißt, an die Stelle der Toten treten; nicht nur um ihre Lebensarbeit fortzusetzen, sondern auch, um sich von ihren Hoffnungen zu ernähren und um an ihrem Lebensmut Anteil zu haben.

 

Spätestens unsere Enkel werden uns fragen, ob wir ein Erbe für sie haben oder ob wir uns mit genüsslicher Selbstbeweinung begnügt haben.

 

Prof. Dr. Fulbert Steffensky, Theologe, war mit seiner Frau Dorothee Sölle in der Friedensbewegung engagiert. Er lebt heute in Luzern.

 

aus: einfach leben – Ein Brief von Anselm Grün

Nr. 4 – April/Mai 2026

Alle Geschichten Januar 2015 - März 2026 gesammelt von Inge Willwacher hier klicken

bottom of page